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Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von unserem Mitgliedsinstitut ARGUK-Umweltlabor in Oberursel zur Verfügung gestellt, Autoren: Markus Binder, Wigbert Maraun und Herbert Obenland.
Das ehemalige Bundesgesundheitsamt und das Umweltbundesamt legten sich 1988 auf einen Wert für die tolerierbare tägliche Aufnahme (TDI-Wert) an PCB von 1 bis max. 3 µg PCB-Gesamt pro kg Körpergewicht (KG) fest. Darauf basierend wurden PCB-Richtlinien der Länder erstellt, in denen unter ausschließlicher Berücksichtigung des Luftpfades eine Konzentration von 300 ng/m³ als langfristig tolerabel angesehen wird, während bei 3000 ng/m³ eine Sanierung einzuleiten ist. In diesem Papier werden zwei Thesen aufgestellt und diskutiert:
Die aktuelle Datenlage zeigt, dass die Toxizität von PCB Gemischen insgesamt
und im Hinblick auf die meist darin vorkommenden dioxinähnlichen koplanaren
PCBs unterschätzt wurde. Das belagen eigene Laborergebnisse und eine
Literaturübersicht, zusammengestellt von Hassauer und Kalberlah (2000). Die in
Deutschland derzeit bestehenden TDI Werte für PCBs sollten daher circa um den
Faktor 50 gesenkt werden.
Bei Hausstaubuntersuchungen wurden detaillierte Kongenerenmuster inklusive
der koplanaren PCB erstellt und in mehreren Objekten der PCB Gehalt in Luft,
Hausstaub und mutmaßlichen Quellen bestimmt. Der Hausstaub kann demnach nicht
nur deutliche Mengen an PCB aus der Luft aufnehmen, sondern in besonderen
Belastungssituationen sogar den überwiegenden Anteil an einer objektbezogenen
PCB Aufnahme ausmachen. Bei der Überarbeitung der PCB-Richtlinien sollte dies
Berücksichtigung finden.
Als unabhängiges Umweltlabor haben wir langjährige Erfahrung in der
Analyse und Bewertung von Schadstoffen in Innenräumen. Alleine in Frankfurt
am Main haben wir in mehr als 100 Schulen und Kindertagesstätten gemäß
der Hessischen Richtlinie "Bewertung und Sanierung PCB-belasteter
Baustoffe und Bauteile in Gebäuden" auf ihre PCB-Belastung untersucht.
Hierbei sind wir - wie auch bei der Untersuchung ehemaliger alliierter
Wohnungen auf PCB und anderen Innenraum-Schadstoffen - auf Mängel und
Fehlannahmen in den bestehenden PCB-Richtlinien gestoßen, die wir für
dringend korrekturbedürftig halten. In diesem Papier werden wir zwei
kritische Thesen zur Höhe der derzeitigen Richtwerte sowie den
berücksichtigten Expositionspfaden aufstellen und diskutieren.
Zum besseren Verständnis sollen zunächst einige Grundlagen zu PCBs
zusammengefasst werden.
Stoffeigenschaften:
Polychlorierte Biphenyle (PCB) beschreiben eine Stoffgruppe von 209
Einzelsubstanzen (Kongenere), die eine gemeinsame chemische Struktur
aufweisen. Wie in Abb. 1 dargestellt, können die mit Ziffern versehenen
freien Bindungsstellen des Biphenyl-Moleküls mit Chloratomen besetzt sein.
Die Eigenschaften der Kongenere werden durch die Anzahl der Chloratome und
deren Stellung bestimmt. Zur Unterscheidung werden gemäß Ballschmitter und
Zell (1980) die Kongenere von 1 bis 209 durchnumeriert. Als Faustregel mag
gelten: Je höher der Chlorierungsgrad, desto höher die Ziffer. Zur
Bestimmung des PCB-Gesamtgehaltes eines Gemisches werden nach
DIN 6 "Leit-PCB" (Nr. 28, 52, 101, 138, 153 und 180) aufgrund
ihres dominierenden Vorkommens in Umweltproben analysiert und die Summe
dieser PCB mit einem Faktor (meist 5) multipliziert.
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Abbildung 1. Chemische Struktur der PCB. |
Unter Normalbedingungen sind PCB kristallin, in Form ihrer technischen Gemische ölige Flüssigkeiten. Der Dampfdruck der PCB fällt mit steigendem Chlorierungsgrad, der Siedepunkt nimmt mit ihrem Chlorierungsgrad zu. PCB-Gemische sind nicht brennbar, haben hohe Siedepunkte, eine hohe Viskosität sowie eine sehr hohe chemische Beständigkeit.
Verwendung
Aufgrund ihrer für den technischen Einsatz günstigen chemischen und
physikalischen Eigenschaften wurden PCB-Gemische seit den 50er Jahren in
einer Vielzahl von Produkten genutzt. Im Handel waren technische PCB-Gemische
in verschiedenen Chlorierungsgraden erhältlich. Beispiele für in Europa
gebräuchliche Handelsnamen sind Clophen (BRD: Bayer) oder Aroclor (GB, USA:
Monsanto).
Geschlossene Anwendungen - kein regulärer Luftkontakt:
Offene Anwendungen - Einsatz hauptsächlich als Weichmacher und Flammschutzmittel, Belastung der Umgebungsluft durch Ausgasen:
Verbreitung
Die chemische Beständigkeit der PCB hat zur Folge, dass sie auch nach
Übergang in die Umweltmedien Wasser, Boden und Luft nur sehr schwer
abbaubar sind. Diese Persistenz führt dazu, dass sie heute überall
nachweisbar sind.
Toxikologie
Da nur PCB-Gemische technische Anwendung fanden, erfolgt die Belastung
immer durch ein PCB-Gemisch. Die Anteile der einzelnen Kongenere in einem
Gemisch (Kongenerenmuster) bestimmen seine Gesamttoxizität.
Die akute Toxizität der technischen PCB-Gemische ist relativ gering. Die
LD50 liegen zwischen 1 und 11 mg/g. Dagegen liegt die Schwelle für die
chronische Toxizität sehr niedrig. Der LOAEL (Lowest observed adverse
effect level) bei Rhesusaffen beträgt 5 µg/kg*d (Hassauer und
Kalberlah 2000).
Bei einer chronischen Belastung durch PCB stehen Enzyminduktion,
reproduktions-, neuro- und immuntoxische Effekte im Vordergrund. Die WHO
hält die Humankanzerogenität der PCB für begrenzt bewiesen und sieht die
Kanzerogenität in Tieren als belegt an.
Hinsichtlich der Enzyminduktion spielen die koplanaren PCB (koPCB, insgesamt
39 Kongenere) eine besondere Rolle. Bei diesen PCB liegen die beiden
Phenyl-Ringe in einer Ebene, da ihre ortho-Positionen (Nr. 2, 2´, 6, 6´
in Abb. 1) entweder nicht oder nur durch ein Chloratom besetzt sind. Ihre
Moleküle besitzen damit ähnliche Abmessungen wie das
2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (TCDD) (Abb. 2). Substanzen diesen
Typs können an das Zytosol-Rezeptorprotein einer Zelle binden, die
Enzymproduktion und damit den Stoffwechsel der Zelle aus dem Gleichgewicht
bringen. Besonders hoch ist die Induktion des Enzyms Arylhydrocarbon-hydroxylase
(Ah-Rezeptor) in der Leber und anderen Organen. Durch die koPCB werden also
toxische Wirkungen ausgelöst, die auch den Dioxinen und Furanen zugeschrieben
werden.
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Abbildung 2. Chemische Struktur des 2,3,7,8-TCDD ("Seveso-Dioxin") |
Die verschiedenen koPCB-Kongenere binden jedoch
unterschiedlich gut an den Ah-Rezeptor. Um die daraus resultierende
unterschiedliche Toxizität vergleichen zu können, wurden den wichtigsten
Vertretern sogenannte 2,3,7,8-TCDD-Toxizitätsäquivalenzfaktoren (TEF)
zugewiesen. Damit lassen sich für jedes koPCB sogenannte
2,3,7,8-TCDD-Toxizitätsäquivalente (TEQ) berechnen. Das 2,3,7,8-TCDD
hat den Faktor 1 und dient als Referenz, das giftigste koPCB (Nr. 126) hat
den Faktor 0,1. Die Faktoren für die meisten der anderen koPCB liegen
zwischen 0,0005 und 0,00001. Mit dieser Methode kann über die Summe der
TEQ eines PCB-Gemisches dessen "Dioxin-Giftigkeit" ausgedrückt
werden.
Die Brauchbarkeit der TEF ist insbesondere für TEF-Werte < 0,001 stark
umstritten. Der TEF für das PCB 126, das in allen uns bekannten
Untersuchungen einen Anteil >50% an den TEQ stellt, ist jedoch am besten
gesichert (Beck et al. 1996).
Regulation und Vorsorge
Seit 1989 ist das Inverkehrbringen und Verwenden von PCB in der BRD verboten.
Im Jahr 1988 legte das damalige Bundesgesundheitsamt (BGA) auf Grundlage
eines gemeinsamen Berichtes des Umweltbundesamtes (UBA) mit dem BGA
(bga-Schrift 4/83) sowie eines Berichtes der Deutschen Forschungsgemeinschaft
(DFG-Bericht "Polychlorierte Biphenyle") einen Wert für die
tolerierbare tägliche Aufnahme (TDI-Wert) von 1 (bis maximal 3) µg PCB-Gesamt
pro kg Körpergewicht und Tag (µg/kg KG*d) fest. In den danach erstellten
Länderrichtlinien zur Bewertung und Sanierung PCB-belasteter Baustoffe und
Bauteile in Gebäuden (PCB-Richtlinien) wurden auf dieser Grundlage zwei
Richtwerte, die sich beide nur auf den Luftpfad beziehen, zur Beurteilung
der Sanierungsdringlichkeit von mit PCB belasteten Räumen festgelegt. Die
Betrachtung anderer Expositionspfade wie etwa des Hausstaubes erfolgte nicht.
Eine Raumluftkonzentration unter 300 ng PCB/m³ Luft ist demgemäß
als langfristig tolerabel anzusehen (Vorsorgewert). Werte zwischen 300 und
3000 ng PCB/m³ Luft signalisieren die Notwendigkeit, PCB-Quellen
zu identifizieren. Bei Werten über 3000 ng PCB/m³ Luft muss saniert
werden.
In einem Fachgespräch (Beck et al. 1996) wurde der TDI-Wert, auf dem die
Länderrichtlinien basieren, ausdrücklich bestätigt und gegen die aufkommende
Forderung verteidigt, die Toxizität von PCB-Gemischen auch anhand ihrer
Dioxin-Giftigkeit zu beurteilen. Hauptargumente dabei waren:
Bezüglich des letzten Punktes sind wir entschieden anderer Ansicht. Aber auch hinsichtlich der nicht explizit Ah-Rezeptor-vermittelten Toxizität, insbesondere der Neurotoxizität, liegen mittlerweile Daten vor, die den bislang angewendeten TDI-Wert nachhaltig in Frage stellen. Unsere erste These lautet daher:
Im Juni 1998 hat die World Health Organization (WHO) eine neue Empfehlung
für die tägliche tolerierbare Aufnahme (TDI) von Dioxin und dioxinähnlichen
Substanzen veröffentlicht (WHO 1998). Koplanare PCB werden dabei zu den
dioxinähnlichen Substanzen gerechnet. Der TDI beträgt nun 1 bis 4 pg/kg KG*d.
Es wird empfohlen, größtmögliche Anstrengungen zu unternehmen, die Exposition
auf die geringstmöglichen Konzentrationen zu minimieren.
Es stellt sich die Frage, ob die bestehenden PCB-Richtlinien der Länder in der
Lage sind, dieser Empfehlung gerecht zu werden. Ein erstes und einfaches
Beispiel soll illustrieren, welches Ausmaß die Mängel der gegenwärtigen
Richtlinien im Extremfall annehmen können. Die Rechnung stützt sich dabei auf
das in Deutschland produzierte und verbreitete Clophen A50.
Clophen A50 enthält 14,5% koPCB. Nach Anwendung der TEF entspricht das 0,01%
Dioxin. Der PCB-Gesamt-TDI nach UBA/ehem. BGA von 1 µg/kg KG*d resultiert damit
in einem TEQ von 100 pg/kg KG*d und liegt somit um den Faktor 25 - 100 höher
als der von der WHO empfohlene TDI für Dioxine und dioxinhaltige Substanzen!
Das Beispiel ist deshalb extrem, weil Clophen A50 unter allen technischen
Gemischen den höchsten koPCB-Anteil aufweist und in der Realität niemals die
einzige PCB-Expositionsquelle darstellen wird. Unsere Routineuntersuchungen
von Raumluft auf PCB zeigen jedoch, dass Kongenerenmuster wie das von Clophen
A50 oder von noch höher chlorierten Gemischen in 20-30% aller Proben
auftreten.
Dazu betrachten wir exemplarisch die PCB-Raumluftbelastung in einer von uns
untersuchten Kindertagesstätte (Abb. 3). In zwei Räumen wurden PCB-Gehalte
von 460 (Raum 1) bzw. 486 (Raum 2) ng/m³ gefunden. Die Raumluftproben weisen
ein Kongenerenmuster auf, das dem von Clophen A50 recht ähnlich ist. In
den sehr vielfältigen Materialproben (vorrangig Fugenmassen) fanden sich
Clophen A50 und A60 Muster
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Abbildung 3. Kongenerenmuster zweier Raumluftproben aus einer Kindertagesstätte im Vergleich mit dem Muster des technischen PCB-Gemisches Clophen A50 (Schulz et al. 1989). |
Gestützt auf diesen Analysenbefund lassen sich die Folgen der Umsetzung
des TEQ-Konzeptes überschlagsweise aufzeigen. Der Einfachheit halber wird die
Berechnung unter Verwendung des Vorsorgewertes von 300 ng/m³ für
PCB-Gesamt in der Raumluft durchgeführt. Das Clophen A50-Muster vorausgesetzt,
entspricht dieser Wert einem Dioxin-TEQ von 30 pg/m³. Ein Kleinkind,
das sich durchschnittlich 8 Stunden in einem so belasteten Raum einer
Kindertagesstätte aufhält und dabei 3 m³ Luft inhaliert, nimmt
damit 90 pg TEQ auf. Betrachten wir nun den TDI der WHO (1 - 4 pg/kg KG*d).
Für ein Körpergewicht des Kindes von 15 kg beträgt die zulässige tägliche
TEQ-Aufnahme 15 - 60 pg Dioxin. Geht man davon aus, dass nicht mehr als
10% eines TDI-Wertes auf einen einzigen Expositionspfad entfallen sollen,
bleibt noch ein Kontingent von 1,5 - 6 pg Dioxin-TEQ. Die inhalative Aufnahme
von 90 pg TEQ übersteigt damit den von der WHO empfohlene TDI um das
15 - 60fache.
In zwei Raumluftproben aus einer untersuchten Wohnung haben wir neben den
6 DIN-PCB-Kongeneren die koPCB direkt bestimmt (Abb. 4). Auch hier waren
die Quellen Fugenmassen.
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Abbildung 4. Kongenerenmuster von zwei Raumluftproben in einer Wohnung. |
Die Beurteilung dieser Wohnung kann sehr unterschiedlich ausfallen, je
nachdem ob man nach den geltenden Richtlinien oder unter Anwendung des
TEQ-Konzeptes die Bewertung vornimmt. Mit PCB-Gehalten von
552 - 1028 ng/m³ in der Raumluft wird der Richtwert der
Länderrichtlinie von 300 ng/m³ um das 2 bis 3fache überschritten
und signalisiert damit mittelfristigen Sanierungsbedarf. Betrachtet man
jedoch die PCB-Aufnahme gemäß der WHO-Empfehlung für dioxinähnliche Substanzen
und berechnet die TEQ der bestimmten koPCB, liegt die tägliche Aufnahme um
das 6 - 24 bzw. 25 - 100fache über dem empfohlenen Toleranzbereich (Tab. 1).
Tabelle 1. PCB-Gesamt und koPCB in der Raumluft einer Wohnung. Die tägliche
Aufnahme wurde für ein Kleinkind mit 15 kg KG und 15 m³ Atemvolumen berechnet.
Raumluftkonzentration [ng/m³] |
2,3,7,8-TCDD-TEQ [pg/m³] |
Tägl. Aufnahme [Masse/kg KG*d] |
Richtwert a)[Masse/kg KG*d] |
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| PCB - Gesamt Raumluft 1 Raumluft 2 |
552 1028 |
- - |
552 ng 1028 ng |
300 ng |
| koPCB Raumluft 1 Raumluft 2 |
6,5 13 |
2,4 10 |
2,4 pg 10 pg |
0,1 - 0,4 pg |
a) Die Richtwerte des UBA/ehem. BGA (TDI max. 3000 ng/kg KG*d PCB-Gesamt) bzw. der WHO (TDI 1 - 4 pg/kg KG*d dioxinähnliche Sustanzen) wurden hier mit 0,1 multipliziert, da auf einen Expositionspfad nur 10% der duldbaren Gesamtbelastung entfallen sollen. |
In der PCB-Richtlinie von Nordrhein-Westfalen wird richtigerweise auf das
Auftreten hochchlorierter Raumluftmuster durch großflächige Primärquellen
hingewiesen. Aufgrund der von diesen Mustern ausgehenden erhöhten Risiken
ist besondere Aufmerksamkeit gefordert. Darüber hinaus sollte aber beachtet
werden, dass für hochchlorierte Raumluftmuster auch Fugenmassen als Quelle
in Frage kommen.
Aus den bisher angeführten drei Beispielen wird deutlich, dass die Richtwerte
der gegenwärtigen PCB-Richtlinien unter Einbeziehung und Bewertung der koPCB
als dioxinähnliche Substanzen gemäß WHO ca. um den Faktor 10 - 100 zu hoch
liegen! Doch nicht nur die Anwendung des TEQ-Konzeptes macht die Senkung
bestehender Richtwerte erforderlich. Auch Ergebnisse toxikologischer Studien
der letzten 10 Jahre, die die Untersuchung des gesamten toxikologischen
Wirkungsspektrums von PCB-Gemischen zum Gegenstand hatten legen nahe, die
tägliche duldbare Aufnahme zu senken.
Hassauer und Kalberlah (2000) fassten im Auftrag des UBA die bisher
durchgeführten Studien zu PCB an Versuchstieren und beruflich exponierten
Personengruppen zusammen. Für die langfristige orale Exposition wurden zur
Ableitung einer toxikologisch begründeten tolerierbaren resorbierten Körperdosis
(TRD-Wert, entsprechen TDI-Werten wenn 100% Resorption unterstellt wird) Studien
an Ratten und Rhesusaffen ausgewertet. Die am Affen beobachteten LOAEL und NOAEL
(Lowest bzw. No observed adverse effect level) liegen unabhängig vom
Chlorierungsgrad der eingesetzten PCB-Gemische zwischen 5 und 8
µg/kg KG*d. In Übereinstimmung mit Stellungnahmen von Immuntoxikologen wurde
daher ein LOAEL von 5 µg/kg KG*d für weitere Ableitungen herangezogen. Nach
Berücksichtigung verschiedener Sicherheitsfaktoren gelangen Hassauer und
Kalberlah zu einem TRD-Wert von 15 ng/kg KG*d. Dem steht der geltende TDI von
1000 ng/kg KG*d gegenüber.
Wegen der spärlichen Datenbasis zur akuten und langfristigen inhalativen
Exposition wurde keine Ableitung von TRD-Werten durchgeführt. Es wurde
vorgeschlagen, eine vorläufige Pfad-zu-Pfad Übertragung auf Basis des TRD von
15 ng/kg KG*d für orale Aufnahme vorzunehmen. Das entspräche nach der
Berechnung von Hassauer und Kalberlah einer Raumluftkonzentration von ca.
50 ng/m³.
Zusammenfassung: Sowohl die Bewertung der Toxizität von PCB-Gemischen anhand ihrer Dioxin-Giftigkeit als auch ihre Bewertung anhand neuerer Cemischtoxizitätsdaten führt zu der Notwendigkeit, TDI und Richtwerte ca. um den Faktor 50 zu senken. |
Die bestehenden Richtlinien beziehen sich zur Ermittlung des Sanierungsbedarfs eines Objektes exklusiv auf den Luftpfad. Andere Pfade, insbesondere der Hausstaub als ingestiver, nicht nahrungsbedingter Pfad, werden noch nicht einmal erwähnt. Nach unserer Datenlage ist das sehr fragwürdig. Unsere zweite These lautet daher:
In unserem Labor werden seit ca. 10 Jahren Hausstaub-Proben auf ihren PCB-Gehalt
untersucht. Dem Diskurs um die Inhomogeniät dieses Mediums und um seine
angemessene Beprobung begegnen wir mit folgender Praxis: Wir untersuchen
Probenstaub, der sich innerhalb von 7 Tagen auf frei begehbaren Flächen sammelt.
Wir beproben nach VDI 4300 Bl. 8 mit handelsüblichen Staubsaugern und sieben aus
dem Staubsaugerbeutelinhalt die 2 mm-Fraktion heraus, die wir extrahieren und
analysieren.
Zur Bestimmung der Größenklassenverteilung des PCB-Gesamtgehaltes des Hausstaubes
wurde ein Zufallskollektiv von 44 Stäuben (Kollektiv A) untersucht, die im
Labor-Routinebetrieb anfielen (Abb. 5). Von diesem Kollektiv wurden auch die
DIN-PCB- Kongenere bestimmt (Abb. 6). Der Anteil der koplanaren PCB wurde in
einem weiteren Kollektiv von 14 Hausstäuben analysiert (Kollektiv B). Für
Kollektiv B wurden die Stäube aufgrund ihrer hohen PCB-Belastung ausgewählt,
um den Analysenaufwand in Grenzen zu halten (Abb. 7).
Beide Kollektive zeigen ein stabiles Kongeneren-Grundmuster, das dem von
Clophen A60 ähnlich ist. An Kollektiv B ist zu erkennen, dass auch Hausstaub
mit koplanaren PCB belastet ist.
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Abbildung 5. Größenklassenverteilung des Gehaltes an PCB-Gesamt im Hausstaub (Kollektiv A: n = 44, Zufallseingang) |
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Abbildung 6. Kongenerenmuster des Hausstaubs (Kollektiv A: n = 44, Mittelwerte, 1s) im Vergleich mit Clophen A60 (ARGUK-Analyse) |
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Abbildung 7. Kongenerenmuster des Hausstaubs (Kollektiv B: n = 14, Mittelwerte, 1s) im Vergleich mit Clophen A60 (ARGUK-Analyse) |
In belasteten Objekten ist mit einer zusätzlichen PCB-Exposition neben dem
Luftpfad über den Hausstaub zu rechnen. Es stellt sich die Frage, welchen
Anteil beide Pfade an der Gesamtbelastung eines Kindes haben. Dazu haben wir
in mehreren Wohnungen und einer Kindertagesstätte den Gehalt an PCB in beiden
Medien untersucht und die tägliche Körperbelastung für ein Kleinkind (15 kg
Körpergewicht; 15 m³ Atemvolumen pro Tag; 0,1 g Staubaufnahme pro Tag)
berechnet (Abb. 8). Es hat sich gezeigt, dass der Hausstaub einen Anteil von
6 - 96% an der objektbezogenen Belastung einnehmen kann.
In Wohnung 2 haben wir PCB-haltige Fugenmasse als PCB-Quelle identifizieren können.
Dort stellte der Hausstaub mit 27% Expositionsanteil wahrscheinlich die Spitze
dessen dar, was von der Raumluft in den Hausstaub übergehen und dort nachgewiesen
werden kann.
Wohnung 3 stammt aus ehemals alliiertem Bestand und repräsentiert Wohnungen mit
Parkettfußboden aus der Bauzeit bis ca. 1970. Mit einem Befund von 153 mg/kg
PCB-Gesamt im Hausstaub stellt dieser den fast ausschließlichen Anteil (96%) an
der gesamten objektbezogenen täglichen PCB-Aufnahme eines Kleinkindes. Das PCB
stammt hier vom Abrieb PCB-haltigen Fugenkittes vom Parkettboden. Die dadurch
bedingte Tagesaufnahme beträgt alleine durch den Hausstaub 1020 ng/kg KG. Gemäß
der Länderrichtlinien lag jedoch mit einer Raumluftkonzentration von
40 ng/m³ weder ein Sanierungsbedarf noch Grund zur Besorgnis vor.
Genauso argumentierten dann auch Gesundheitsbehörden und Wohnungsgesellschaften.
Durch die Mißachtung des Hausstaub-Pfades sind also bei der Festlegung des
Sanierungsbedarfs alliierter Wohnungen alle gleich gelagerten Fälle trotz einer
signifikanten PCB-Belastung abgewiesen worden.
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Abbildung 8. PCB-Gesamt Aufnahme durch Raumluft und Hausstaub für ein Kleinkind (15 kg Körpergewicht, 15 m³ Atemvolumen/d, 0,1 g Staubaufnahme/d). |
Die tägliche Aufnahme von PCB über die Nahrung wird auf etwa 100 ng/kg KG geschätzt. Im Vergleich mit dem Raumluft- und dem Hausstaubpfad stellt die Raumluft bei unserer Untersuchung in drei von vier Fällen den größten Anteil der PCB-Aufnahme (Abb. 8). In zwei Fällen liegt der Hausstaub mit seinem Anteil über dem Nahrungspfad, in einem Fall sogar an erster Stelle. Damit wird deutlich, dass der Hausstaub einen wichtigen Beitrag zur objektbezogenen Zusatzbelastung liefern kann.
Bei der Überarbeitung der PCB-Richtlinien sollte dies Berücksichtigung finden. |
Weitere Informationen zum Thema PCB und Koplanare PCB finden Sie auf unseren Infoblättern PCB und Koplanare PCB
Ballschmitter K, Zell M (1980) Analysis of polychlorinated biphenyls (PCBs)
by glass capillary gas chromatography. Fresenius Zeitschrift für analytische
Chemie 302:20
Beck H, Heinrich-Hirsch B, Koss G, Neubert D, Roßkamp E, Schrenk D, Schuster J,
Wölfle D, Wuthe J (1996) Anwendbarkeit von 2,3,7,8-TCDD-TEF für PCB für
Risikobewertungen. Bundesgesundheitsblatt 4:141-147
Hassauer M, Kalberlah F (2000) Polychlorierte Biphenyle. In: Eikmann T,
Heinrich U, Heinzow B, Konietzka R (Hrsg.) Gefährdungsabschätzung von
Umweltschadstoffen. Erich Schmidt Verlag, Berlin. D808 1-46
Schulz DE, Petrick G, Duinker JC (1989) Complete characterization of
polychlorinated biphenyl congeners in commercial Aroclor and Clophen mixtures
by multidimensional gas chromatography - electron capture detection.
Environment, Science and Technology 23(7):852-859
WHO (1998) WHO Experts re-evaluate health risks from Dioxins. Press Release
WHO/45, 3 June 1998
© AGÖF / Verfasser: Herbert Obenland, Markus Binder, Wigbert Maraun / ARGUK
Internet: www.arguk-umweltlabor.de,
Stand: August 2003